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Gutenberger Votivstatuetten

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Gutenberger Votivstatuetten, 500 BCE - 1 BCE — Burghügel Gutenberg, Balzers, Vaduz, Liechtenstein

Figuren der Andacht - Die eisenzeitlichen Votivstatuetten von Balzers, Liechtenstein

Die neun im Jahr 1932 entdeckten Bronzefiguren vom Gutenberg in Balzers sind die wohl bekanntesten archäologischen Funde Liechtensteins. Als materielle Hinterlassenschaften eines Brandopferplatzes nehmen sie eine einzigartige Rolle in der Geschichte der Region ein.

In Balzers, der südlichsten der elf Gemeinden Liechtensteins, ragt der rund 50 Meter hohe Gutenberg aus dem Alpenrheintal hervor. Auf dessen höchstem Punkt mit 526 Meter ü. M. befindet sich die gleichnamige mittelalterliche und Anfang des 20. Jahrhunderts im wiederaufgebaute Burg Gutenberg (Abb. 1c). Am Südostfuss des Felshügels erstreckte sich einst sumpfiges Gelände. Davon ist heute noch ein kleiner See erhalten, der als Naherholungs- und Naturschutzgebiet dient. Gegen Westen fallen die Felswände des Burghügels fast senkrecht ab. Ebenso ist im Norden und Nordosten das Gelände von abschüssigen Hängen geprägt. Lediglich die südwestlichen Ausläufer des Hügels gehen in eine Mulde und in den 501 Meter ü. M. hohen Runden Büchel über (Abb. 1b). Der auf diese Weise natürlich geschützte Gutenberg war also nur über die Hänge von Osten und Süden leicht zugänglich. Die strategische Bedeutung des Ortes wird durch seine geografisch günstige Lage entlang einer seit der Jungsteinzeit genutzten Verkehrsroute unterstrichen. Sie führte vom süddeutschen Raum durch das Alpenrheintal vorbei an Balzers über den sogenannten Luzisteig-Pass in die heutige Schweiz und weiter über die Alpenpässe nach Oberitalien.1Wyss (1978), 151-152.

Abb. 1

Hinweise auf prähistorische Funde von diesem Ort sind bereits vor über hundert Jahren gemacht worden.2Rheinberger (1914), 18. Die Bedeutung und der Kontext, aus dem diese archäologischen Spuren stammen, blieb lange Zeit im Dunkeln. Um Licht in diese Sache zu bringen und um eine Forschungslücke zu schliessen, veranlasste der Historische Verein für das Fürstentum Liechtenstein in den Jahren 1930, 1932 und 1933 archäologische Ausgrabungen am Gutenberghügel, vor allem im Bereich der Flur Wanne (Abb. 1a). Unter der Leitung des in Vorarlberg (Österreich) wohnhaften Archäologen und späteren Direktors des Vorarlberger Landesmuseums in Bregenz, Adolf Hild (1883—1954), fanden die Forschungskampagnen statt.3Hild (1930), 79-105; Hild (1932), 15-25; Hild (1933), 11-26. Die Ausgrabung im Sommer 1932 unterstützten unter anderem der damalige Besitzer von Burg Gutenberg, Egon Rheinberger (1870—1936) sowie dessen drei Söhne Hans, Peter und Rudolf. Befeuert von den archäologischen Untersuchungen Hilds führten Brüder in den Weihnachtsferien im Dezember 1932 im Bereich der Flur Wanne eigenständige Ausgrabungen durch. Sie erweiterten die bestehende Grabungsfläche um zwei Meter. Dies führte schliesslich neben der Bergung von diversen urgeschichtlichen Keramik-, Glas- und Metallobjekten zur Entdeckung der neun eisenzeitlichen Bronzestatuetten: sieben menschliche Figuren, ein Hirsch und ein Eber (Abb. 2).

Da die Fundumstände und Schichtenzusammenhänge weitestgehend im Unklaren waren, initialisierte der Historische Verein für das Fürstentum Liechtenstein im April 1933 Nachuntersuchungen unter der neuerlichen Leitung Adolf Hilds. Seinen Aufzeichnungen zu Folge stammen die meisten urgeschichtlichen Fundobjekte aber auch verbrannte, kleinteilige Tierknochen aus einer 35—65 cm starken aschehaltigen Schuttschicht.4Hild (1933), 15-19. In diese eingebettet waren die neun Statuetten. Diese Befundbeschreibung spricht für eine Ansprache als Brandopferplatz. Den datierten Funden zu Folge wurde der Ritualort von der späten Bronzezeit bis ins 2./1. Jahrhundert v. Chr. aufgesucht.5Pepić (2002), 1237-1239. In der älteren Eisenzeit (Hallstattzeit) und in der jüngeren Eisenzeit (La-Tène-Zeit) deuten Funde wie keramisches Geschirr, eine Münze und Schmuck auf Siedlungstätigkeit hin. In der tiefsten Mulde des Burghügels auf der nordöstlichen Plateaukante, genannt Wanne, sind in dieser Zeit erstmals Mauerreste und Gruben nachweisbar. Unweit entfernt von diesem Fundplatz am Fusse des Runden Büchels bestatteten Menschen in der Eisenzeit ihre Toten in Brandgräbern.6Gurtner (2004).

Der Brandopferplatz, auf den die Ascheschichten zurückzuführen sind, befand sich vermutlich weiter oben auf einem kleinen Plateau am Hang oder direkt auf dem Gutenberghügel. Die Kulturschichten dürften sich als Folge von Umgestaltungsprozessen in spät- oder nachrömischer Zeit weiter unten in der Mulde auf der Flur Wanne angesammelt haben.7v. Merhart (1933), 28. Wyss (1978), 164. Trotz der rudimentären Dokumentation der Schichtzusammenhänge erscheint diese Interpretation als wahrscheinlich.

Unter Brandopferplätzen werden Ritualorte verstanden, die im nordöstlichen Oberitalien, im inneralpinen Raum und bis zum nördlichen Alpenvorland verbreitet sind. Nur 400 Meter südlich der Fundstelle am Gutenberghügel ist ein weiterer in der Eisenzeit bis möglicherweise noch in der frühen Kaiserzeit genutzter Ritualort bekannt.8Stehrenberger (2013), 84. Weitere im Alpenrheintal gelegenen Brandopferplätze befinden sich am Schellenberg (Liechtenstein)9Beck (1951), 219-255. , auf dem Ochsenberg in Wartau (Schweiz)10Schmid-Sikimić et al. (2012). sowie in Feldkirch-Altenstadt11Heeb (2010). und Nenzing (Österreich)12Kaufer/Wink (2013), 11-48. . Sie stellen zusammen mit jenem vom Gutenberg die westlichsten Vertreter dieser Befundgattung dar. Oft befinden sich die Kultstätten an naturräumlich markanten Orten mit grosser sozialer Sichtbarkeit.13Della Casa/Balmer (2016), 134. Obwohl sich insgesamt die Lage, eine mögliche bauliche Ausgestaltung und die lokal begrenzten Verbrennungsplätze dieser Orte sehr unterscheiden, lässt sich Verbindendes erkennen. Gemeinsamer archäologischer Nenner sind Spuren des ehemaligen Ritus, der in Zusammenhang mit Feuer und Rauch steht. In erster Linie sind es kleinteilig verbrannte, kalzinierte Tierknochen, Asche- oder Holzkohlereste und unterschiedliche Weihegaben, die indirekt auf den praktizierten Opferritus hindeuten.

Das archäologische Fundspektrum vom Fundort Wanne in Balzers umfasst zudem unterschiedliche Schmuckstücke und Geschirr. Speiseopfer, wie sie an anderen Brandopferplätzen nachgewiesen sind, liegen für Balzers nicht vor. Hingegen wurden auch am Gutenberg Teile von Opfertieren dem rituellen Feuer übergeben. Gemäss archäozoologischen Untersuchungen waren es vor allem Extremitäten und Schädel von überwiegend Nutztieren, die geopfert und bei hohen Temperaturen verbrannt wurden. Im Ritual dürften die Tieropfer zum Öffnen von Kommunikationswegen mit einer anderen Welt gedient haben. Das Darbringen der Opfergaben in einem Feuer kommt einer Entmaterialisierung der Objekte gleich und war wesentlicher Bestandteil des Ritus. Die neun Votivfiguren zeigen jedoch keine Spuren einer Feuereinwirkung. Möglicherweise waren sie auf andere Weise in das Ritual eingebettet und sichtbar an dem sakralen Ort aufgestellt — die Standzapfen und die gelochten Standplatten der Figuren lassen sich dahingehend interpretieren.

Die neun Statuetten aus Balzers umfassen sieben Darstellungen von Menschen und zwei von Tieren. Sie sind massiv gegossen und teilweise nachgearbeitet. Die metallische Zusammensetzung ist uneinheitlich.14Wyss (1978), 163-164 sowie Tabelle 2. Die Untersuchungen führte das Chemisch-Physikalische Laboratorium des schweizerischen Landesmuseums in Zürich 1975 bzw. 1978 durch. Der Bleianteil schwankt von 2,1—13 %. Möglicherweise ist der teilweise recht hohe Anteil durch die leichte Verfügbarkeit im Alpenraum zu erklären. Spuren von Silber, Antimon, Nickel, Kobalt, Eisen und vereinzelt Zink sind eben vorhanden. Lediglich der geringe Zinngehalt zwischen 4,8 % und 8,6 % ist allen gemeinsam.

Die Qualität der Ausführung ist sehr heterogen, ebenso die Grössenvarianz und der Grad der Nachbearbeitung, der von grob und oberflächlich bis fein und detailliert reicht. Mit einer Grösse von 12.8 cm sticht die Statuette 1 deutlich aus dem Ensemble hervor (Abb. 2/Figur 1, Abb. 3). Die Bronzestatuette stellt einen Krieger dar. Er steht hüftbreit auf einer schmalen Standplatte mit gelochtem Standzapfen. Körper und Kopf sind frontal nach vorne gerichtet, die kugeligen Augen blicken geradeaus. Der Krieger trägt einen Lederkoller mit Schulterklappen und waagrechtem Halsausschnitt mit gefranstem Rand. Ebenso fein nachgearbeitet sind die gekerbten Ränder des Ärmelsaums. Der plastische Nackenschutz ist zusätzlich durch Ritzlinien am Hals akzentuiert. Halsausschnitt und Schulterklappen werden von feinen Linien und kurzen, schräg angeordneten Punzierungen eingefasst. Den Kopf des Kriegers schützt ein Helm mit Kamm und deutlich profilierter Krempe. Der linke Arm zeigt nach unten, der rechte Arm ist nach oben abgewinkelt. Schild und Lanze, wie sie bei Vergleichsfunden nachgewiesen sind, fehlen hier. Hände und Füsse sind durch Einritzungen bzw. Punzierungen schematisch beschrieben. Unter dem gefransten Saum des Lederkollers sind im Hüftbereich die äusseren Genitalmerkmale dargestellt.

Abb. 2

Deutlich kleiner, doch ebenfalls auf einer Standplatte und mit Standzapfen stehend, fällt die Statuette eines zweiten Kriegers aus (Abb. 2/Figur 2, Abb. 3). Seine Höhe beträgt 7.7 cm vom Standzapfen bis zum Helm. Der Krieger steht hüftbreit und hat Körper, Kopf und Blick frontal nach vorne gerichtet. Die Ausformung ist deutlich roher und die Oberflächen scheinen weniger stark geglättet. Die Gesichtszüge mit Augen- und Mundpartie werden durch waagerechte Kerben angedeutet. Auch Hände, Füsse sowie das männliche Geschlechtsorgan sind schematisch gestaltet. Die Finger des erhobenen rechten Arms wurden nach dem Guss gespalten und anschliessend um die Lanze gehämmert. Diese ist hinter der Hand am Schaft und vorne an der breiter werdenden Spitze abgebrochen. Als einzige sichtbare Schutzkleidung trägt der Krieger einen Helm, dessen Kamm durch eine feine Ritzlinie angedeutet ist. Auch bei der dritten, nur 5.5 cm hohen Bronzestatuette ist der Helm mit ausgeprägter Krempe ebenso einziges sichtbares Zeichen der Ausstattung eines Kriegers (Abb. 2/Figur 3, Abb. 3). Die gegossene und nachgearbeitete Figur steht hüftbreit auf einer runden, gelochten Standplatte. Körper und Kopf richten sich frontal nach vorne aus. Die seitlich abstehenden Ohren, die Nase und die kugeligen Augen sind überproportional ausgeführt. Der Mund ist durch eine waagrechte Kerbe dargestellt. Beide Arme hängen eng neben dem Oberkörper herab und die Hände liegen auf der Hüfte auf. Ein Stiftansatz an der linken Hand ist als Befestigung eines nicht mehr erhaltenen Schildes oder Ähnlichem zu interpretieren. Die männlichen Geschlechtsmerkmale sind bei dieser Figur überdimensional hervorgehoben. Kleine kugelige Ansätze symbolisieren die Brüste. Ähnlich bei der gegossenen und nachgearbeiteten Bronzefigur 4 (Abb. 2/Figur 4, Abb. 3). Sowohl die Geschlechtsorgane als auch kugeligen Brüste sind überproportional ausgebildet. Sie misst von der runden, gelochten Standfläche bis zum Kopf 6.5 cm. Die hüftbreit stehende Figur hat Körper, Kopf und Blick frontal nach vorne gerichtet. Die Genitalien und die Brust in Form von zwei aufgesetzten Kügelchen sind noch mehr ausgeprägt als bei Figur 3. Die grossen Ohren stehen seitlich ab. Das ovale Gesicht mit länglicher Nase endet in einem zugespitzten Kinn. Augen und Mund sich durch waagrechte bzw. kreissegmentförmige Kerben akzentuiert. Die nachträglich angebrachten Arme hängen seitlich am Oberkörper herab und enden in flachen, breiten Händen mit durch vier Kerben angedeuteten Fingern. Am linken Arm sind möglicherweise Reste des Schildes erkennbar. Die Statuette 5 ähnelt der eben beschriebenen in der Gestaltung des langschmalen Kopfes mit abstehenden Ohren, der Ausformung der Geschlechtsteile, den flach ausgearbeiteten und in diesem Fall mit den nach vorne ausgerichteten Händen und dem runden, gelochten Standfuss (Abb. 2/Figur 5, Abb. 3). Auf der Brust sind zwei pfeilförmige Linienbündel erkennbar, weitere Rillen akzentuieren Knie und Arme. Die 5.2 cm hohe Bronzestatuette ist ebenfalls gegossen und wenig nachgearbeitet.

Die beiden letzten Figuren fallen stilistisch und aufgrund ihrer geringen Grösse aus der Reihe der bisherigen. Figur 6 ist mit einer Gesamthöhe von 4.2 cm vom Standzapfen bis zum Scheitel deutlich kleiner (Abb. 2/Figur 6, Abb. 3). Die Oberflächen wirken roh und uneben. Die vermutlich männliche Figur steht breitbeinig mit frontal nach vorne gerichtetem Körper und Kopf. Die Nachbearbeitung beschränkt sich auf einfache Kerben im Bereich der Hände und Füsse, um die Finger und Zehen darzustellen, sowie am Kopf, wo eine flache waagrechte Kerbe Nase und Mund trennt. Mit 3.8 cm ist die stark stilisierte Kriegerfigur 7 die kleinste im Ensemble von Balzers (Abb. 2/Figur 7, Abb. 3). Einziges erkennbares Attribut ist der überhöht ausgeführte Helm mit erkennbarer Krempe. An den Stellen von Schultern und im Schritt befinden sich kleine Lochungen, in die die Arme bzw. der Phallus eingesetzt waren. Die Frage, ob diese möglicherweise aus einem anderen Material gearbeitet und beweglich waren bleibt unbeantwortet.

Die beiden Tierfiguren stellen einen Hirsch und einen Eber dar (Abb. 2, Abb. 3). Beide stehen auf einer Standplatte, Körper und Kopf sind gerade nach vorne ausgerichtet. In den Augen und an den Flanken der Hirschplastik befinden sich kreisrunde Ausnehmungen, die vermutlich organische Einlagen enthielten. Das Maul ist durch eine waagrechte Rille dargestellt. Ähnlich ist die Schnauze der Eberfigur gestaltet. Auch in den runden Vertiefungen der Augen des Ebers dürften ehemals organische Materialien eingelegt gewesen sein. Seine Ohren sind nach vorne ausgerichtet, die Kammhaare aufgestellt und durch feine, eng aneinander gesetzte Rillen charakterisiert.

Das Ensemble aus anthropomorphen und zoomorphen Figuren ist für Liechtenstein und Umgebung einzigartig. Die nächsten Vergleichsfunde der anthropomorphen Figuren sind aus dem nur drei Kilometer entfernten Vild (Schweiz) bekannt. Auch aus Bregenz und Bludenz (Österreich) sind eisenzeitlichen Votivstatuetten bekannt. Eberfiguren stammen unter anderem aus Winterthur (Schweiz), aus Altenburg (Deutschland) und ein weiteres ohne genaue Ortsangabe aus Vorarlberg (Österreich).15Wyss (1978), 161-165.

Wie bereits erwähnt, ist allen Figuren aus Balzers die Herstellungsart im Gussverfahren gemeinsam. In Grösse und Qualität der Ausgestaltung unterscheiden sie sich allerdings massgeblich. Diese Beobachtungen in Kombination mit den heterogenen Ergebnissen der 1974/78 durchgeführten Metallanalysen sprechen für eine Produktion in unterschiedlichen Werkstätten zu unterschiedlichen Zeiten. Einzige Ausnahme bilden Figur 4 und 5. Sie ähneln sich in Aussehen und Gestaltungsdetails, sodass vorstellbar ist, dass sie aus einer Hand stammen.

Abb. 3

Die neun Votivstatuetten16Unter Votivgaben versteht man Weihgeschenke an Gottheiten, die sowohl Bitt- als auch Dankopfer sein können. umfassen drei Themenkreise: Krieg, Fruchtbarkeit und Tiere. Beide Tierstatuetten aus Balzers, also Eber und Hirsch, gelten als Begleiter keltischer Hauptgottheiten. Neben plastischen Figuren ist der Eber auch als Darstellung auf Waffen, Schmuckstücken und Münzen beliebt. Ihm sind Attribute wie Stärke, Mut, Kraft und Kampfeswut zugeschrieben.17Bräuning (2005), 40-41; Walde-Psenner (1976), 214. Auch der Hirsch wird seit der frühen Eisenzeit besonders verehrt. Ihm kommen mehrere Funktionen als Jagdtier, als Gott oder als Attribut eines göttlichen Wesens zu. In der Fachliteratur wird er oft mit dem keltischen Gott Cernunnos in Zusammenhang gebracht.18Gebhard (1997), 1200-1203. Hirsch und Eber aus Balzers haben zwischen den Füssen eine gelochte Standplatte. Die Tierfiguren waren ursprünglich vermutlich auf einem Gegenstand montiert, vielleicht zusammen mit anderen Tieren als eine Art Prozession oder allein. Beide zoomorphe Figuren vom Brandopferplatz in Balzers lassen sich als Votivgabe oder im Sinne eines Ersatzopfers, also eine Opfergabe anstatt eines lebenden Tiers, interpretieren.

Die menschlichen Figuren sind ebenfalls als Votivgabe zu verstehen. Bei vier der sieben handelt es sich um Kriegerdarstellungen. Mit einer Grösse von fast dreizehn Zentimetern überragt die Kriegerstatuette 1 die anderen Figuren um fast die Hälfte (Abb. 2). Kriegerfigur 2 ähnelt dieser in Bezug auf Ausstattung und Körperhaltung mit erhobenem rechtem Arm und angewinkeltem linken Arm. Die Figuren 1, 2, 3 und 7 tragen eine ähnliche Schutzausrüstung (Abb. 2, Abb. 3). Allen gemeinsam ist die spezifische Helmform, die den Helmen des Typs Negau nachgeahmt sind. Negauerhelme waren über einen Zeitraum von rund 300 Jahren, vom 5.-2. Jahrhundert BC, im Alpenraum in unterschiedlicher Ausprägung weit verbreitet.19Egg (1990), 23-24. Dieser Helmtyp ist zudem neben Waffen und Schmuck regelmässig als Opfergabe an Brandopferplätzen und als Einzeldeponierung bekannt.20Della Casa/Balmer (2016), 136. In Folge von Kontakten mit der südlichen Welt entwickelt sich im 5. Jahrhundert BC ein neues Formenempfinden bei der Darstellung von Menschen und Tieren.21Bräuning (2005), 35-37; Gleirscher (1993), 61-62. Sie sind auf etruskische Vorbilder zurückzuführen und belegen einen weitreichenden kulturellen Austausches und rege Kontakte in den Süden. Figurale Votive gelangten als Import in das Alpenrheintal oder wurden als Imitation von lokalen Handwerkern hergestellt.

Während diese Figuren als Krieger angesprochen werden, fallen die Statuetten 3, 4 und 5 (zusätzlich) aufgrund der ithyphallischen Darstellung22Darstellung mit erigiertem Penis von übersteigerter Grösse. auf (Abb. 2, Abb. 3). Zwei Figuren (3, 4) werden aufgrund der kugelig ausgeformten Brüste als Hermaphrodit interpretiert. Als zweigeschlechtliche Wesen verkörpern sie die Fruchtbarkeit schlechthin. Bei den ithyphallischen Statuetten 4 und 5 sind die grossen, seitlich abstehenden Ohren und die akzentuierten Hände augenscheinlich. Diese stehen in Zusammenhang mit der Verehrung von Gottheiten, mit Fruchtbarkeit und Vitalität.

Den menschlichen Votivstatuetten kommt eindeutig eine Funktion als Votivgabe oder als Ersatzopfer zu. Als materielle Manifestationen machen sie immaterielle Glaubensvorstellungen und sakrale Handlungen sichtbar. Die Frage, ob den Figuren abgesehen von ihrer Funktion als Andachtsgegenstand noch weitere Bedeutungen zukamen, bleibt jedoch unbeantwortet. Die Erkenntnis bleibt, dass Brandopferplätze wie jene von Balzers sich in eine lange Tradition eines im alpinen Raum praktizierten kultischen Ritus einreihen — und die eisenzeitlichen Votivstatuetten vom Gutenberg sind einzigartige Repräsentanten davon.


Bildnachweis

1 Unbekannter Künstler, Balzers mit den Fundorten Runder Büchel (a), Burg Gutenberg (b) und Wanne (c), nach 1910, Fotografie, Papier, Gutenberg, Balzers, Liechtenstein (@ Archäologie, Amt für Kultur, Liechtenstein).

2 Unbekannter Künstler, 9 Votivstatuetten, 5. Jh.—1. Jh. BC, Bronze, 3.8 cm-12.8 cm, Gutenberg, Balzers, Liechtenstein (@ Archäologie, Amt für Kultur, Liechtenstein).

3 Egon Rheinberger (Balzers, 1870—1936), Grabungsdokumentation, 1933, Papier, Balzers, Liechtenstein (@ Archäologie, Amt für Kultur, Liechtenstein).


Literatur

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Dr. Sarah Leib

Abteilung Archäologie, Amt für Kultur

Peter-Kaiser-Platz 2

LI-9490 Vaduz